Sachliche Debatte über Kiesabbau wieder aufnehmen
FDP und UWFB besuchen Sehring am Waldsee mit dem Fahrrad und informiert sich über Renaturierung, Rohstoffversorgung und die Zukunft des Standorts Langen.
Die Diskussion über den Kiesabbau am Langener Waldsee ist in den vergangenen Jahren häufig von starken politischen und gesellschaftlichen Kontroversen geprägt gewesen. Die FDP und UWFB hat deshalb den Standort nun bewusst in einer ruhigeren Phase besucht, um sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen. Bei einer gemeinsamen Radtour durch das renaturierte Gelände und einem anschließenden Gespräch mit Geschäftsführer Stefan Sehring ging es um die Entwicklung der ehemaligen Abbauflächen, die Bedeutung regionaler Rohstoffgewinnung und die Frage, wie sich Naturschutz, bezahlbares Bauen und die Interessen der Stadt Langen miteinander verbinden lassen.
„Wir wollten bewusst nicht nur über den Waldsee sprechen, sondern uns selbst anschauen, was dort passiert“, erläutert Dr. Mathias Rhiel. „Gerade weil die Diskussion in den vergangenen Jahren teilweise sehr aufgeheizt war, lohnt sich jetzt ein sachlicher Blick auf die tatsächliche Entwicklung vor Ort.“
Bereits die Anfahrt mit dem Fahrrad führte die Gruppe durch die ehemalige Ostgrube, die inzwischen renaturiert und aufgeforstet wurde. Zu sehen waren unterschiedlich bepflanzte Bereiche, kleinere Tümpel mit Schilf sowie vielfältige Strukturen, die Tieren und Insekten Lebensräume und Rückzugsmöglichkeiten bieten. Auch Unterschlupfmöglichkeiten für Fledermäuse und die weitere Entwicklung der Flächen wurden erläutert.
„Natürlich ist es zunächst ein Eingriff in die Natur, wenn Wald für den Rohstoffabbau weichen muss. Das sollte man nicht kleinreden“, so Rhiel. „Wir sollten aber ebenso genau hinschauen, was anschließend entsteht. Die renaturierten Flächen entwickeln sich zu vielfältigen Lebensräumen, und bei der Wiederaufforstung können auch klimaresiliente Baumarten berücksichtigt werden. Das macht die langfristige Betrachtung wichtig.“
Auch der anschließende Blick auf den Langener Waldsee fiel positiv aus. Christian Jaensch, Fraktionsvorsitzender der Langener Gemeinschaftsfraktion FDP/UWFB und Mitglied im Aufsichtsrat der Langener Stadt und Bäder GmbH, zeigte sich insbesondere vom geordneten Betrieb am Strandbad angetan.
„An diesem sehr warmen Samstagmorgen war der Betrieb am Waldsee ausgesprochen geordnet. Im Vergleich zu den teilweise chaotischen Zuständen, die wir vor einigen Jahren erlebt haben, ist eine deutliche Entspannung festzustellen“, so Jaensch. Auch die Aufwertung des Strandbads und die inzwischen etablierten Regelungen rund um Zufahrt und Parksituation seien positiv aufgefallen.
Im anschließenden Gespräch mit Geschäftsführer Stefan Sehring wurde deutlich, dass der Standort zugleich vor erheblichen wirtschaftlichen Herausforderungen steht. Das traditionsreiche Unternehmen Sehring Sand & Kies GmbH & Co. KG wird im kommenden Jahr am Standort Langen 100 Jahre alt. Gleichzeitig sorgen gestiegene Personal-, Energie- und Transportkosten für steigende Rohstoffpreise. Das derzeit niedrige Rheinwasser erschwert zudem den Transport von Sand und Kies auf dem Wasserweg, sodass teilweise auf Lkw-Transporte ausgewichen werden muss.
„Bei den am Standort gewonnenen Rohstoffen handelt es sich um hochwertige Quarzsande und Kiese, die unter anderem für industrielle Anwendungen benötigt werden“, so Sehring. Gleichzeitig werde es zunehmend schwieriger, neue Abbaustätten zu erschließen. Damit treffe eine weiterhin hohe Nachfrage nach mineralischen Rohstoffen auf ein zunehmend begrenztes Angebot.
Für die FDP ist das nicht nur eine Frage des Unternehmens, sondern auch eine Frage der regionalen Baupolitik.
„Wir brauchen Sand, Kies und andere mineralische Rohstoffe für Wohnungen, Straßen, Kindertagesstätten und unsere gesamte Infrastruktur“, sagt Michael Kraus. „Über die Eingriffe in Natur und Wald kann man selbstverständlich unterschiedlicher Meinung sein. Aber wenn die Rohstoffe nicht hier gewonnen werden, müssen sie an anderer Stelle gewonnen und über größere Entfernungen transportiert werden. Das ist nicht nur teurer, sondern kann durch die zusätzlichen Transporte auch ökologisch problematischer sein.“
Ein Beispiel für die Folgen einer solchen Verlagerung ist beim Recyclingplatz auf dem Gelände der Kiesgrube zu sehen. Dort wurden unter anderem Bauschutt und andere Materialien aufbereitet. Im Zusammenhang mit der Verlängerung der Betriebsgenehmigung kam es zu Auseinandersetzungen über den Weiterbetrieb. In der Folge wurde der Recyclingplatz am Standort Langen aufgegeben und die entsprechende Tätigkeit an einen anderen Ort verlagert.
Damit sind nach Angaben aus dem Gespräch nicht nur Einnahmen für die Stadt Langen weggefallen. Auch die Transportwege haben sich deutlich verlängert. Recyclingmaterial muss nun teilweise über rund 40 Kilometer mit dem Lkw transportiert werden.
„Das zeigt aus unserer Sicht, wie wichtig es ist, ökologische Fragen nicht nur lokal zu betrachten“, erklärt Rhiel. „Wenn wir einen Recyclingstandort vor Ort nicht wollen, die Materialien dann aber über viele Kilometer transportiert werden müssen, ist der Eingriff in die Umwelt nicht verschwunden. Er findet lediglich an anderer Stelle und zusätzlich auf der Straße statt.“
Auch wirtschaftlich ist der Standort für Langen von Bedeutung, wie Jaensch zu berichten weiß: „Neben der Gewerbesteuer profitiert die Stadt von Einnahmen aus der Kiesförderung und der Verfüllung. Gleichzeitig werden die bereits ausgekiesten Bereiche fortlaufend rekultiviert.“ Stefan Sehring erläuterte, dass dabei nicht erst am Ende des gesamten Abbaus renaturiert werde, sondern die Rekultivierung Schritt für Schritt erfolge. Die Renaturierung der ehemaligen Ostgrube steht nach Angaben des Unternehmens kurz vor ihrer Fertigstellung. Im neuen Abbaugebiet der sogenannten SüdOst Erweiterung werden die jeweils vorletzten ausgekiesten Abschnitte verfüllt und mit Raupen modelliert sowie anschließend bepflanzt. Hiermit schreitet die Rekultivierung und Aufforstung rollierend mit dem tatsächlichen Rohstoffabbau voran.
„Unser Besuch hat uns gezeigt, dass wir die Diskussion über den Kiesabbau wieder stärker auf einer sachlichen Ebene führen sollten“, fasst Rhiel zusammen. „Es gibt Zielkonflikte zwischen Rohstoffgewinnung, Naturschutz, wirtschaftlichen Interessen und den Bedürfnissen einer wachsenden Region. Die lösen wir aber nicht dadurch, dass wir einzelne Aspekte isoliert betrachten. Wir müssen uns die gesamte Bilanz anschauen, und das sachlich sowie im Hinblick auf die Interessen unserer Stadt.“
Die FDP will deshalb den Dialog mit der Firma Sehring fortsetzen. Ziel müsse es sein, die Rohstoffversorgung, den Naturschutz, die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt und die Frage nach bezahlbarem Bauen gemeinsam zu betrachten.
